Der Preis des Adlers
von Bernd Zimmer
Hinweis zur Leseprobe: Die folgenden Texte sind ausgewählte Ausschnitte aus dem bisherigen Stand des Romans „Der Preis des Adlers“. Das Buch befindet sich noch in der Entwicklung und ist noch nicht in seiner endgültigen Fassung abgeschlossen. Die Leseprobe gibt daher einen Einblick in den aktuellen Stand des Manuskripts.
Die Metzgerei von Vicus Silvanus
Noch bevor die Sonne über den Hügeln östlich von Vicus Silvanus aufstieg, war Lucius bereits wach. Er lag einen Moment still, lauschte in die Dunkelheit. Neben ihm atmete Flavia ruhig, aus dem Raum seiner Söhne kam kein Laut. Lucius zog seine Tunika an und trat hinaus in die kühle Morgenluft. Vor der Tür, in der kleinen Nische neben dem Eingang, standen die Figuren der Lares, der Hausgötter, die über Familie und Werkstatt wachten. Sein Vater hatte sie dort aufgestellt, sein Großvater davor. Lucius berührte die Nische kurz im Vorbeigehen, wie jeden Morgen, ohne groß darüber nachzudenken, dann ging er weiter zur Metzgerei.
Drinnen roch es nach Holz, Wasser, Rauch und Fleisch. Die Werkzeuge hingen an ihren gewohnten Plätzen, die Arbeitsfläche trug die Spuren vieler Jahre. Kerben, dunkle Flecken, eine Stelle, an der das Holz vom ständigen Wetzen der Messer glänzte. Lucius nahm eines seiner Messer, prüfte die Klinge im schwachen Licht und begann mit den Vorbereitungen. Sein Vater hatte ihm früh beigebracht, dass ein Metzger arm sein konnte, aber niemals schlampig. Das Fleisch musste stimmen, auch wenn der Kunde über den Preis stritt. Diese Handgriffe waren ihm inzwischen so vertraut, dass er kaum noch darüber nachdachte, die Hand wusste, was zu tun war, lange bevor der Kopf sich einschaltete.
Flavia erschien, als der Himmel heller wurde. Sie stellte den Eimer ab und sah ihrem Mann eine Weile zu. „Du bist wieder vor mir auf.“ „Das ist jeden Morgen so.“ „Und jeden Morgen sage ich dir, dass du etwas essen solltest.“ Lucius lächelte kurz. „Dann sind wir beide zuverlässig.“ Flavia lächelte nicht zurück. „Publius war gestern nicht da.“ Lucius legte das Messer beiseite. „Er kommt heute.“ „Das hat er gestern auch gesagt. Seit zwei Wochen hat er nicht bezahlt.“ Das wusste Lucius selbst am besten. „Er braucht das Fleisch.“ „Wir brauchen das Geld.“ Er schwieg. Flavia fuhr fort: „Der Händler für Salz war gestern hier. Er verlangt mehr.“ Sie nannte den Betrag. Lucius rechnete im Kopf: die offene Rechnung von Publius, die nächste Lieferung, die Ausgaben des Hauses. „Ich kümmere mich darum“, sagte er schließlich. Flavia sah ihn an. „Das sagst du immer.“ „Weil ich mich darum kümmere.“ „Nein“, sagte sie ruhig. „Du verschiebst es.“ Sie nahm den Eimer und ging, ohne sich noch einmal umzudrehen. Lucius blieb mit seinem Messer in der Hand zurück und sah ihr nach, länger, als ihm bewusst war.
Als Vicus Silvanus erwachte, wurde die Metzgerei voller. Zuerst kam Terentia, die alte Weberin von gegenüber, die seit dem Tod ihres Mannes allein in dem kleinen Haus neben der Brunnenstube lebte. Sie handelte nie ernsthaft um den Preis, das gehörte für sie einfach zum Morgen wie das Wasserholen. „Für die Suppe“, sagte sie, wie jeden Tag, und Lucius wog ihr etwas mehr ab, als sie bezahlte, ohne ein Wort darüber zu verlieren. Terentia bemerkte es nie, oder sie tat zumindest so. Nach ihr kam Caeso, ein alter Mann mit einer Narbe über der linken Braue, der seit Jahren bei Lucius kaufte und trotzdem jedes Mal nach der Frische des Fleisches fragte, als könnte sich daran plötzlich etwas geändert haben. „Frisch?“ „Wie immer.“ Caeso nickte zufrieden, als hätte er etwas Wichtiges in Erfahrung gebracht. Ein Junge, kaum älter als Quintus, stand an der Tür und beobachtete jedes Messer, das Lucius führte, mit einer Mischung aus Angst und Faszination, bis seine Mutter ihn am Arm weiterzog.
Für einige Stunden konnte Lucius vergessen, was Flavia gesagt hatte. Dann kam Publius. Er blieb vor der Theke stehen. „Ich brauche etwas für heute Abend.“ Lucius sah ihn an. „Du hast noch offen.“ „Ich weiß. Ende der Woche bezahle ich.“ „Das hast du letzte Woche auch gesagt.“ Publius senkte den Blick. „Es war ein schlechter Monat.“ Lucius wollte ihm sagen, dass auch sein eigener Monat schlecht war. Stattdessen fragte er nur: „Wie viel?“ Publius nannte die Menge. Lucius schnitt das Fleisch ab und wickelte es ein. „Ende der Woche.“ „Ende der Woche.“ Als Publius gegangen war, nahm Lucius seine Wachstafel, schrieb den neuen Betrag dazu und legte sie zurück. Das Geld fehlte ihm bereits, bevor er die Rechnung überhaupt geschlossen hatte.
Titus hatte es trotzdem bemerkt. Mit sechzehn war er längst alt genug, die meisten Arbeiten in der Metzgerei zu übernehmen, und in den letzten Monaten war ihm etwas aufgefallen, das er früher übersehen hätte. „Wie viel ist noch offen?“, fragte er. Lucius sah ihn an. „Das geht dich nichts an.“ „Ich arbeite hier.“ „Das weiß ich.“ „Dann geht es mich etwas an.“ Lucius legte die Wachstafel beiseite. „Du sollst die Arbeit lernen, nicht meine Sorgen.“ Titus schwieg einen Moment. „Vielleicht sind es irgendwann meine Sorgen.“ Darauf fand Lucius keine gute Antwort. „Wie schlecht ist es?“, fragte Titus weiter. „Nicht schlecht.“ „Vater.“ „Es reicht.“ Titus wartete. „Wofür?“ Lucius sah zur offenen Tür. „Für heute.“ Titus schüttelte den Kopf. „Das war nicht meine Frage.“ Er hatte recht, das spürte Lucius genau. „Wir kommen zurecht.“ Titus antwortete ruhig: „Du hoffst, dass wir zurechtkommen.“ Dann nahm er wieder seine Arbeit auf, und Lucius sagte nichts mehr dazu.
Gegen Mittag kam der Händler für das Salz, stellte den Sack ab und nannte den neuen Preis. „Das ist mehr als letzte Woche.“ „Ja.“ „Warum?“ „Weil ich mehr dafür bezahlen muss.“ Lucius verschränkte die Arme. „Und wer verlangt mehr von dir?“ Der Händler zuckte mit den Schultern. „Andere Händler.“ Lucius war klar, dass er kaum eine Wahl hatte. Woanders würde es nicht wesentlich billiger werden. Er konnte weniger bestellen, dann fehlte ihm Ware. Er konnte die Preise erhöhen, dann kauften manche Kunden noch weniger. Er konnte aufhören, anschreiben zu lassen, dann verlor er Kunden. Schließlich einigten sie sich auf einen Preis, bei dem Lucius schon ahnte, dass er ihn bald weitergeben musste. Als der Händler gegangen war, sah Titus auf den Sack. „Das wird teurer.“ „Ja.“ „Und wir verkaufen es zum gleichen Preis.“ Lucius nahm das Messer wieder auf. „Noch.“
Beim Mittagessen sprach zunächst niemand über Geld. Gaius und Quintus stritten darüber, wer von ihnen den Ringkampf des Nachbarsjungen besser nachmachen könnte, Titus lachte darüber, und für einige Minuten war die Metzgerei weit weg. Dann sah Flavia ihren Mann an. „Du solltest ihnen nichts vormachen.“ Lucius wusste sofort, was sie meinte. „Es ist noch nicht so weit.“ „Was ist noch nicht so weit?“, fragte Titus ruhig. Lucius legte das Brot zurück. „Die Preise steigen. Die Kunden zahlen später. Die Ausgaben bleiben.“ Flavia nickte. „Und was bedeutet das?“ Lucius schwieg. Schließlich sagte er: „Noch reicht es.“ „Noch“, erwiderte Flavia nur. Lucius hasste dieses Wort. Es beschrieb genau den Zustand, den er nicht aussprechen wollte.
Der Nachmittag brachte keine Katastrophe. Gerade das machte ihn schwer. Ein Kunde kaufte weniger, ein anderer bat um Aufschub, ein dritter bezahlte nur einen Teil seiner alten Schuld. Dann kam eine Frau, die Lucius seit Jahren kannte, Fabia, deren Mann vor zwei Wintern gestorben war und die seither allein für ihre vier Kinder sorgte. Sie fragte nach dem billigsten Stück Fleisch, prüfte den Preis, zählte ihre Münzen zweimal, bevor sie sich entschied. Lucius sagte nichts, während er ihr ein Stück abschnitt, das etwas größer war, als sie bezahlt hatte. Er begriff, dass sie nicht weniger essen wollte. Sie konnte einfach nicht mehr bezahlen. Als sie gegangen war, nahm Lucius seine Wachstafel hervor. Die offenen Beträge waren einzeln klein. Zusammen waren sie groß genug, um ihn nachts wach zu halten. Lucius blickte durch die Tür auf den Platz. Alles sah aus wie immer. Genau das war das Problem. Solange jeden Morgen dieselbe Tür aufging, konnte ein Mann sich einreden, dass sein Leben sicher war. Doch Sicherheit bedeutete nicht, dass nichts geschah. Sie bedeutete, dass man Spielraum hatte, wenn etwas geschah. Und dieser Spielraum wurde kleiner.
Am Abend blieb Titus länger. Gemeinsam räumten sie die Metzgerei auf. „Ich kann morgen mit zum Händler kommen“, sagte Titus. „Du musst nicht.“ „Ich will wissen, was wir ihm schulden.“ Lucius sah seinen Sohn an. „Du bist mein Sohn.“ „Ja.“ „Du sollst nicht mit diesen Dingen anfangen.“ Titus antwortete: „Du hast selbst angefangen, als du Großvater geholfen hast.“ Lucius musste kurz lächeln. Sein Sohn hatte recht. Er erinnerte sich an die Jahre, in denen er selbst die Arbeit seines Vaters übernommen hatte, an die Nische mit den Lares, die schon damals dort gestanden hatte, an die Hand seines Vaters, die ihm gezeigt hatte, wie man ein Messer hielt. „Morgen kommst du mit“, sagte er schließlich. Titus nickte. Mehr musste nicht gesagt werden.
Nachdem die Metzgerei geschlossen war, setzte sich Lucius noch einmal an die Arbeitsfläche und zählte die Kasse. Er legte das Geld für die nächste Lieferung beiseite, rechnete die Ausgaben des Hauses und die offenen Beträge zusammen. Dann rechnete er noch einmal. Das Ergebnis blieb gleich. Die Metzgerei machte Gewinn. Nur wurde dieser Gewinn immer kleiner, bevor er überhaupt bei seiner Familie ankam. Publius schuldete ihm Geld. Der Händler verlangte mehr. Die Ausgaben blieben. Lucius dachte an Flavia und an Titus, der inzwischen genau sah, was vor sich ging. Als Flavia in der Tür erschien, sagte er: „Wenn Publius nächste Woche bezahlt, reicht es.“ Sie schwieg. „Und wenn er nicht bezahlt?“ Lucius hob den Blick. Er wollte eine Antwort geben, doch zum ersten Mal fiel ihm keine ein.
Später lag Lucius neben Flavia und hörte die Geräusche des Hauses. Morgen würde die Tür der Metzgerei wieder aufgehen. Er würde arbeiten, mit den Händlern sprechen und hoffen, dass Publius sein Wort hielt. Vielleicht würde es besser werden. Vielleicht auch nicht. Im Dunkeln kam ihm eine Frage, die er bisher immer verschoben hatte: Wie lange konnten sie so noch weitermachen?
Zwanzig Jahre
Lucius nickte und sah noch einmal auf seine Hände. Diese Hände hatten ihm bisher das Geld für seine Familie eingebracht. Vielleicht würden sie es künftig auf eine andere Weise tun. Zwanzig Jahre waren ein hoher Preis, aber ihm war inzwischen auch klar, dass seine Familie nicht einfach auf einen besseren Ausgang hoffen konnte. Er musste etwas tun. Und wenn er schon etwas opferte, dann sollte es wenigstens einen Sinn haben. Bevor er ging, stellte der Optio noch eine Frage. „Woher kommst du?“ Lucius sah ihn kurz an. „Aus Vicus Silvanus, bei Segesta.“ Der Optio nickte. „Segesta auf Sicilia?“ Lucius schüttelte den Kopf. „Nein, Herr. Segesta Tigulliorum, in Gallia Cisalpina.“ Der Optio hielt einen Augenblick inne und sah ihn genauer an. „Gallia Cisalpina?“ Lucius nickte. „Ja.“ Ein Grinsen breitete sich auf dem Gesicht des Optio aus. „Dann kommen wir aus derselben Provinz.“ Lucius musste lachen. „Ihr auch?“ „Vicus Ligus. Auch nicht weit von Segesta Tigulliorum.“ Er schlug Lucius leicht gegen den Oberarm. „Dann sind wir wohl Landsleute.“ „Das sind wir.“ „Und falls du dich entscheidest“, fügte der Optio hinzu, schon halb im Gehen, „wirst du mich wiedersehen. Ich bin öfter im Lager bei Massilia als hier auf dem Übungsplatz, Neuankömmlinge übernehme ich meistens selbst, besonders wenn sie aus der Heimat kommen.“ Das kurze Gespräch hatte etwas verändert. Der Optio war nicht mehr nur der Mann, der über seine Zukunft entschied. Für einen Augenblick war er ein Landsmann, der seine Herkunft kannte und mit Lucius teilte. Für Lucius war das ein kleiner Trost, und mehr noch: eine Aussicht, an die er sich in den kommenden Wochen erinnern würde.
Er verabschiedete sich und machte sich auf den Heimweg, doch diesmal ging er mit einem anderen Gefühl. Er hatte eine Antwort bekommen. Die Legion würde ihm den Sold geben, den er brauchte. Ein Teil davon würde für Ausrüstung und Verpflegung verwendet werden, der Rest konnte seiner Familie zugutekommen. Sechzig bis siebzig Denare im Jahr waren für ihn genug, um die Entscheidung ernsthaft zu treffen. Nur die zwanzig Jahre standen zwischen ihm und der Zukunft, die er sich für seine Familie vorstellte.
Als Lucius am Abend nach Hause kam, wartete Flavia bereits auf ihn. Sie musste ihm ansehen, dass sich etwas verändert hatte. „Und?“, fragte sie. Lucius setzte sich zu ihr und erzählte vom Ablauf der Probatio, vom Optio und vom Sold. Er erklärte ihr, dass ungefähr hundertfünfundzwanzig Denare im Jahr gezahlt wurden, dass davon ein Teil für Ausrüstung und Verpflegung abging und dass er nach seinen Berechnungen ungefähr sechzig bis siebzig Denare nach Hause schicken könnte. Flavia schwieg lange. „Das würde uns helfen“, sagte sie schließlich. „Ja“, antwortete Lucius. „Sehr.“ „Und du könntest die Metzgerei verlassen?“ Lucius sah sie an. „Titus kann sie führen.“ In diesem Moment trat Titus hinzu. „Ich kann es.“ Flavia sah zu ihrem Sohn. „Du weißt, was das bedeutet.“ „Ja.“ Titus sah seinen Vater an. „Du hast mir alles gezeigt.“ Lucius nickte. Titus würde die Arbeit übernehmen. Gaius würde ihm helfen. Flavia würde die Familie zusammenhalten. Und Lucius würde seinen Sold nach Hause schicken. Es war nicht die Lösung, die er sich als junger Mann für sein Leben vorgestellt hatte, doch vielleicht war es die Lösung, die seine Familie jetzt brauchte.
Gaius setzte sich ebenfalls dazu. „Dann wirst du wirklich Soldat.“ Lucius sah seinen Sohn an. „Wenn ich mich entscheide.“ Gaius grinste. „Du hast dich entschieden.“ Lucius musste über ihn lachen. „Du bist dir ziemlich sicher.“ „Ja.“ Gaius‘ Begeisterung war unverkennbar. Er sah in seinem Vater bereits den Soldaten, den Lucius selbst noch nicht in sich erkennen konnte. Titus hingegen sagte nichts mehr dazu. Er wusste, was die Entscheidung bedeutete. Quintus kam später hinzu und setzte sich neben seinen Vater. „Gehst du wirklich?“ Lucius legte ihm die Hand auf den Kopf. „Ja.“ „Wann kommst du wieder?“ Lucius hielt kurz inne. „Das weiß ich noch nicht.“ Quintus sah ihn ernst an. „Aber du kommst wieder.“ Lucius nickte. „Ja.“
In dieser Nacht sprach Lucius noch lange mit Flavia. Er erzählte ihr von der möglichen Belohnung nach der Dienstzeit, von Land oder Geld und davon, dass er nach seinem Dienst vielleicht mit etwas zurückkehren konnte, das die Familie dauerhaft absicherte. Was er ihr nicht sagte, war die genaue Zahl. Er verschwieg ihr, dass der Dienst ungefähr zwanzig Jahre dauern konnte. Nicht weil er sie täuschen wollte, sondern weil er selbst noch nicht sicher war, ob er diese Zahl überhaupt aussprechen konnte, ohne seine Entscheidung wieder infrage zu stellen. Er ahnte, dass Flavia ihm sofort sagen würde, dass zwanzig Jahre zu lang waren. Vielleicht hätte sie damit recht. Vielleicht war es sogar Wahnsinn. Aber Lucius trug inzwischen eine Rechnung in sich, die er nicht mehr los wurde. Sechzig bis siebzig Denare im Jahr. Zwanzig Jahre. Dazu eine mögliche Belohnung als Veteran. Und auf der anderen Seite die Metzgerei, die Titus übernehmen konnte. Es war kein einfacher Weg. Doch zum ersten Mal sah Lucius eine Möglichkeit, seine Familie aus den Schulden zu führen, ohne darauf angewiesen zu sein, dass jeden Monat alles gutging. Er sah Flavia an. „Ich werde es tun.“ Sie schwieg einen Moment. „Dann komm zurück.“ Lucius nickte. „Das werde ich.“
Das erste Gefecht
Vier Tage nach der Rückkehr aus dem armen Dorf im Wald erreichte das Lager eine Nachricht, die zunächst nur als Gerücht die Runde machte, von Zelt zu Zelt weitergetragen, bis niemand mehr sagen konnte, wer sie zuerst gehört hatte. Weiter im Norden, dort, wo die vermisste Nachschubkolonne ihren Weg hätte nehmen sollen, war ein Überfall geschehen. Wagen verbrannt, Ochsen fortgetrieben, zwei Fuhrleute tot aufgefunden. Tiberius, der die meisten dieser Neuigkeiten zuerst erfuhr, weil er mit den Schreibern des Optio auf gutem Fuß stand, berichtete am Feuer, was er wusste, mit der Vorsicht eines Mannes, der genau spürte, dass ein halbes Gerücht mehr Schaden anrichten konnte als gar keines. „Man spricht von einem Druiden“, sagte er, „der Männer aus mehreren Dörfern zusammengerufen hat. Nicht nur aus dem, das wir besucht haben.“ Aulus, der sonst über alles einen Scherz parat hatte, sagte an diesem Abend nichts.
Am folgenden Morgen ließ der Centurio die Centurie antreten, vollständig ausgerüstet, und diesmal fehlte in seiner Stimme jede der knappen, beinahe gelangweilten Selbstverständlichkeit, mit der er sonst über Frumentatio oder Wachdienst gesprochen hatte. „Die Kohorte rückt aus“, sagte er. „Ganz, nicht nur unsere Centurie.“ Publius sah zu Lucius, und zum ersten Mal, seit sie gemeinsam aus Vicus Silvanus aufgebrochen waren, sah Lucius in den Augen seines Freundes etwas, das er selbst kannte und das er bei Publius noch nie gesehen hatte. Echte Angst, nicht die aufgeregte Nervosität der Probatio, sondern etwas Kälteres. Niemand von ihnen wusste, was sie erwartete. Selbst Tiberius, der sonst für jede Frage eine Antwort hatte, zuckte nur mit den Schultern, als Manius ihn fragte, gegen wen sie eigentlich zögen. „Gegen die, die den Wagen verbrannt haben“, sagte er schließlich, „mehr weiß ich auch nicht.“
Bevor sie aufbrachen, ging der Centurio noch einmal die Reihen ab, prüfte Riemen, die längst geprüft waren, sah Männern in die Augen, die er sonst kaum eines Blickes würdigte. Bei Lucius blieb er einen Moment stehen. „Du bist Immunis, Varro. Niemand würde dir einen Vorwurf machen, wenn du im Lager bliebest, bei den Vorräten.“ Es klang nicht wie ein Angebot, eher wie eine Feststellung, die geprüft werden musste. Lucius spürte, wie Publius neben ihm den Atem anhielt. „Ich habe dasselbe Sacramentum abgelegt wie jeder andere hier“, sagte Lucius, und es überraschte ihn selbst, wie fest seine Stimme dabei klang. Der Centurio nickte nur knapp, ohne ein weiteres Wort, und ging weiter die Reihe entlang, aber Lucius spürte, wie sich etwas in Publius‘ Haltung neben ihm löste, ein wenig nur, aber spürbar.
Der Marsch dauerte anderthalb Tage, zunächst durch offenes Land, dann wieder in den Wald hinein, denselben schmalen Pfaden folgend, die sie schon zur Frumentatio geführt hatten, nur weiter, tiefer. Die Stimmung war eine andere als beim ersten Ausrücken mit den neuen Waffen. Niemand scherzte über das Klirren des Eisens. Lucius bemerkte, wie seine eigenen Hände am Griff des Schwertes feucht wurden, obwohl die Luft kühl war, und wie sein Magen sich zusammenzog, jedes Mal, wenn ein Vogel plötzlich aus dem Unterholz aufflog. Er dachte an Flavia, an die Jungen, flüchtig, beinahe schuldbewusst, als hätte er kein Recht, in diesem Moment an sie zu denken, während vor ihm der Wald dunkler wurde. Sextus, der sonst kaum ein Wort sprach, ging die meiste Zeit neben ihm, die Augen auf den Boden und die Bäume gerichtet, und einmal hob er die Hand, ohne ein Wort, und die ganze Reihe hielt an, bis er nach einem Moment weiterging. Niemand fragte, was er gesehen oder gehört hatte. Sie vertrauten ihm.
Am zweiten Tag, kurz nach Mittag, erreichten sie eine Lichtung am Rand eines flachen Tals, und dort, verstreut über einen weiten Hang, standen sie. Männer, in den Farben und mit den Waffen, die Tiberius unterwegs als gallisch beschrieben hatte, lange Schwerter, wenige Rüstungen, viele nackte Oberkörper, bemalt. Zwischen ihnen, auf einem erhöhten Stein, stand ein alter Mann in weißem Gewand, die Arme erhoben, und seine Stimme trug bis zu den ersten Reihen der Legion, auch wenn Lucius kein Wort davon verstand. „Der Druide“, murmelte Tiberius neben ihm. Der Centurio ritt die Front der Centurie ab, ohne Eile, und seine Stimme, als er sprach, war ruhiger, als Lucius sie je gehört hatte. „Schilde“, sagte er nur. „Reihen halten. Die Männer neben euch sind wichtiger als jeder Feind vor euch.“
Von der anderen Seite des Tals antwortete auf die Stimme des Druiden ein Aufschrei, hunderte Kehlen zugleich, und dann setzte sich die gegnerische Linie in Bewegung, erst langsam, dann im Lauf, den Hang hinunter, und der Boden unter Lucius‘ Füßen begann zu zittern, lange bevor die ersten Männer ihre Reihen erreichten. Er hörte, wie Publius neben ihm ein Gebet murmelte, an welchen Gott gerichtet, wusste Lucius nicht, und er selbst dachte in diesem letzten Atemzug vor dem Aufprall an nichts, an gar nichts, nur an das Gewicht des Schildes in seiner linken Hand und an die Wärme des Mannes neben ihm, Decimus, dessen Schulter sich fest gegen seine eigene presste.
Was danach geschah, würde Lucius später nie in der richtigen Reihenfolge wiedergeben können, so sehr sich die einzelnen Bilder in seiner Erinnerung übereinander schoben. Der erste Ansturm der Gallier traf die Reihen mit einem Lärm, der sich nicht wie Kampf anfühlte, sondern wie ein Einsturz, Metall auf Holz, Schreie, das dumpfe Krachen der Schilde, die aufeinanderprallten. Lucius stand in der zweiten Reihe seiner Centurie, das Scutum eng an den Körper gepresst, und als der Mann vor ihm zurückgestoßen wurde, spürte er den Aufprall durch die eigene Schulter, als wäre er selbst getroffen worden. Der Geruch schlug ihm entgegen, bevor er begriff, was er roch, Schweiß, Eisen, Erde, und darunter etwas Süßliches, das er aus der Metzgerei kannte und das er hier nicht kennen wollte.
„Jetzt“, schrie Decimus neben ihm, und dann war Lucius vorn, in der ersten Reihe, ohne recht zu wissen, wie er dorthin gekommen war, das Schwert in der Hand, ein bemalter Mann vor ihm, dessen Augen weit aufgerissen waren, vor Wut oder Angst, das ließ sich in diesem Moment nicht unterscheiden. Lucius stach zu, so wie er es geübt hatte, unter dem Schildrand, kurz, ohne Ausholen, und spürte den Widerstand von Fleisch, bevor sein eigener Verstand begriff, was seine Hand gerade getan hatte. Der Mann fiel nicht sofort. Er taumelte, griff nach der Wunde, und ein anderer, hinter ihm, drängte bereits nach vorn, über den Fallenden hinweg, und Lucius hatte keine Zeit, das Geschehene zu begreifen, bevor der nächste Schild gegen den seinen krachte.
Irgendwann, er hätte nicht sagen können, ob es nach dem dritten oder dem zehnten Gegner war, spürte Lucius einen Moment, in dem sein ganzer Körper sich weigerte, weiterzumachen. Es war kein Gedanke, eher ein Riss, mitten im Kampf, ein Augenblick, in dem er sein eigenes Schwert ansah, blutverschmiert bis zum Griff, und nicht mehr wusste, wie es dorthin gekommen war oder wer der Mann war, der es hielt. Sein Atem ging viel zu schnell, sein Herz schlug so hart gegen die Rippen, dass er glaubte, jeder um ihn herum müsse es hören können, und für einen einzigen, furchtbaren Herzschlag wollte er nur noch weglaufen, den Schild fallen lassen und rennen, egal wohin, nur weg von diesem Lärm, diesem Geruch, diesen Gesichtern. Was ihn hielt, war nicht Tapferkeit. Es war Decimus‘ Schulter an seiner eigenen, fest, unbeweglich, und die Stimme des Optio, die irgendwo hinter ihnen brüllte, dass die Reihe halten müsse, und Lucius begriff in diesem Moment etwas, das ihm niemand in der Ausbildung so hätte erklären können. Man hielt nicht durch, weil man mutig war. Man hielt durch, weil der Mann neben einem es auch tat, und weil man ihn nicht allein lassen konnte.
So ging es, für Minuten, die sich wie Stunden dehnten. Der Optio bewegte sich hinter den Reihen, nicht kämpfend, sondern treibend, mit einer Stimme, die über das Chaos hinweg trug. „Reihen halten. Wer müde ist, tritt zurück, wenn die Lücke frei ist, nicht früher.“ Lucius verstand erst mitten im Kampf, was das bedeutete. Alle paar Atemzüge löste sich ein Mann aus der vordersten Reihe, trat einen Schritt zurück und zur Seite, während der Mann hinter ihm durch die entstandene Lücke nach vorn trat, ohne dass die Front auch nur für einen Wimpernschlag offenstand. Es war wie das Wenden eines Fladens auf der heißen Platte, dachte Lucius absurd, mitten im Lärm, ein Griff, ein Wechsel, nie beide Seiten gleichzeitig ungeschützt. Er selbst trat zweimal zurück, presste sich gegen Publius, der neben ihm stand und schwer atmete, das Blut eines anderen an seiner Wange, nicht seines eigenen, und beide sagten nichts, weil es nichts zu sagen gab, das über das gemeinsame Keuchen hinausging.
Vor der Front, näher am Feind, als es Lucius für einen Mann seines Ranges richtig erschien, kämpfte der Centurio selbst, sein Helmbusch quer über dem Kopf ein Ziel für jeden gallischen Krieger, der glaubte, in ihm den größten Sieg des Tages zu erkennen. Zweimal sah Lucius, wie Männer sich gezielt auf ihn stürzten, und zweimal sah er, wie der Centurio sie mit einer Ruhe niederstreckte, die nichts mit Kaltblütigkeit zu tun hatte, sondern mit zwanzig Jahren Übung. Numerius, die Standarte in beiden Händen, hielt sich nah bei ihm, und einmal, als die Linie an ihrer Stelle für einen Moment zu wanken begann, stieß er die Standarte mit einem Schrei weit nach vorn, tiefer in die eigenen Reihen hinein, sodass die Männer, die zurückzuweichen drohten, sich umdrehten, um sie nicht zu verlieren, und im selben Moment wieder vorwärtsdrängten. Lucius hatte von diesem Trick gehört, in einer der ersten Nächte am Feuer, als Geschichte aus einem anderen Feldzug, erzählt von einem Mann, der selbst dabei gewesen sein wollte. Jetzt sah er ihn geschehen, und er begriff zum ersten Mal, dass die Standarte kein Schmuckstück war, sondern etwas, für das Männer bereit waren zu sterben, weil sie es mehr fürchteten, sie zu verlieren, als selbst zu fallen.
Er hörte Manius schreien, bevor er sah, was geschehen war. Als er sich umwandte, so weit die gepresste Formation es zuließ, sah er ihn am Boden, die Hand um den eigenen Oberschenkel gepresst, aus dem Blut in einem Ausmaß hervorquoll, das Lucius aus keiner Schlachtung kannte, weil kein Tier so blutete wie ein Mensch, dem eine Ader aufgerissen war. Zwei Männer aus der Reihe hinter ihnen zerrten ihn aus dem Gedränge, und Lucius verlor ihn aus den Augen, weil vor ihm bereits der nächste Schild krachte und er keine Zeit hatte, mehr zu tun, als es zu registrieren und weiterzukämpfen, mit einer Kälte in der Brust, die er später nicht mehr würde erklären können.
Wie lange es dauerte, bis die gallische Linie brach, wusste Lucius nicht zu sagen. Irgendwann bemerkte er, dass der Widerstand vor ihm nachließ, dass Männer sich zurückzogen, den Hang hinauf, in den Wald, und dass der Druide auf seinem Stein nicht mehr zu sehen war. Der Centurio ließ nicht verfolgen. „Wir sind hier, um Straßen zu sichern, nicht um Wälder zu erobern“, sagte er, und seine Stimme klang jetzt wieder wie sonst, aber sein Gesicht war grau vor Erschöpfung, mit Blut bespritzt, das nicht seines war.
Was danach kam, würde Lucius sein Leben lang nicht vergessen. Das Feld, das eben noch ein Kampfplatz gewesen war, wurde zu etwas anderem, zu einem Ort voller Geräusche, die er nie wieder unbeteiligt hören würde. Männer, die nach ihren Kameraden riefen, Verwundete, die schrien oder, schlimmer, leise wimmerten, weil ihnen die Kraft zum Schreien fehlte. Der Geruch, den er zuvor nur im Kampf selbst gerochen hatte, lag jetzt über dem ganzen Feld, dicht, süßlich, unerträglich, vermischt mit dem beißenden Rauch, wo irgendwo ein Wagen brannte. Lucius half, Verwundete zu bergen, eigene wie fremde, und einmal kniete er neben einem gallischen Krieger, kaum älter als Titus, der ihn ansah, ohne ein Wort zu sagen, und starb, während Lucius noch überlegte, ob er ihm helfen könnte oder sollte.
